JĘZYKOZNAWSTWO nr 2(27)/2026

ISSN 2391-5137


https://doi.org/10.25312/j.10364


Radosław Lis https://orcid.org/0000-0002-6801-1799 Casimir Pulaski University of Radom

e-mail: r.lis@urad.edu.pl


Das propagandistische Bild der Polen und der Juden in der „Krakauer Zeitung“ 1939–1945

The propagandistic image of Poles and Jews in the “Krakauer Zeitung” 1939–1945


Abstrakt

Der Beitrag untersucht das propagandistische Bild der Polen und der Juden in der von den nationalsozialistischen Besatzungsbehörden im Generalgouvernement herausgegebenen „Krakauer Zeitung“ in den Jahren 1939–1945. Ziel der Studie ist es, zentrale sprachliche und propagandistische Strategien zu rekonstruieren, mit denen die Zeitung Feindbilder erzeugte, gesellschaftliche Wahrnehmungen steuerte und die deutsche Besatzungspolitik legitimierte. Das Untersuchungsmaterial bilden ausgewählte Pressebeiträge und darin verwendete Bezeich- nungen, Metaphern und stereotype Zuschreibungen, die sich auf Polen und Juden beziehen. Methodisch folgt der Artikel einem historisch-linguistischen und diskursanalytischen Zugang, der pressesprachliche Mittel im politischen und ideologischen Kontext des Nationalsozialismus interpretiert. Die Analyse zeigt, dass die Polen vor allem als chaotisch, kriminell, minderwertig und bedrohlich dargestellt wurden, während Juden systematisch entmenschlicht, dämonisiert und mit biologisierenden und kriminalisierenden Metaphern belegt wurden. Daraus ergibt sich, dass die „Krakauer Zeitung“ nicht nur ein Medium der Informationsvermittlung, sondern ein Instrument ideologischer Herrschaft, gesellschaftlicher Manipulation und nationalsozialistischer Informationskriegsführung war.

Schlüsselwörter: Sprachmanipulation, Generalgouvernement, Nationalsozialismus, Besatzungspresse


Abstract

This article examines the representation of Poles and Jews in the “Krakauer Zeitung,” a German-language newspaper published by the Nazi occupation authorities in the General Government between 1939 and 1945.


The aim of the study is to reconstruct the main linguistic strategies through which the newspaper created enemy images, shaped social perception, and legitimized the occupation policy of the Third Reich. The material consists of selected press articles as well as the labels, metaphors, and stereotypical characterizations used to describe Poles and Jews. Methodologically, the article adopts a historical-linguistic and discourse-analytical approach, interpreting press language within the broader political and ideological framework of National Socialism. The analysis demonstrates that Poles were primarily portrayed as chaotic, criminal, inferior, and threatening, while Jews were systematically dehumanized, demonized, and represented through biological and criminalizing metaphors. The study concludes that the “Krakauer Zeitung” functioned not merely as a source of information, but as an instrument of ideological domination, social manipulation, and Nazi information warfare.

Keywords: linguistic manipulation, General Government, Nazism, occupation press


Einleitung

Über viele Jahre hinweg übten die Nationalsozialisten nicht nur im Deutschen Reich, sondern auch in weiten Teilen Europas eine umfassende und nahezu uneingeschränkte Herrschaft aus. In diesem Zeitraum durchdrang ihre Ideologie – vermittelt unter anderem durch einen charakteristischen, propagandistisch geprägten Sprachgebrauch – nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, sowohl in Deutschland als auch in den von ihnen im Zweiten Weltkrieg besetzten und unterworfenen Regionen. Auch in Polen waren sich die Besatzungsbehörden dessen bewusst, dass Sprache und Propaganda äußerst wirkungs- volle Instrumente politischer Kontrolle darstellen (Lis, 2008: 8).


Pressewesen im Generalgouvernement

Zum Herrschaftssystem der Nationalsozialisten gehörte in den besetzten polnischen Ge- bieten unter anderem die Einrichtung einer neu konzipierten Presse, die der deutschen Propaganda als zentrales Instrument zur Indoktrination und Verhaltenssteuerung des Volkes diente (Kołtunowski, 1990: 15). Neben der Beseitigung des polnischen und jüdischen Besitzes, Vernichtung der Intelligenz, Aufhebung polnischer Straßen- und Ortsnamen, Auflösung aller bisher funktionierenden polnischen Organisationen, betraf diese Entpo- lonisierung auch Verdrängung der polnischen Sprache aus der Öffentlichkeit und somit die Auslöschung der polnischen Kunst, Kultur, Literatur und Presse. Anstelle der von den polnischen Publizisten verfassten Druckschriften gründete man bereits 1939 neue, von den deutschen Verfassern und Propagandisten beeinflusste Tageszeitungen (Sobczak, 1988: 366–367). Neben den polnischsprachigen, von den nationalsozialistischen Macht- habern kontrollierten Massenmedien – „Nowy Kurier Warszawski“, „Goniec Krakowski”,

„Gazeta Lwowska”, „Kurier Częstochowski“ (Głowiński, 2000: 45) – trat auf die Stelle der vollständig verbotenen freien Druckerzeugnisse auch eine neuartige Besatzungspresse in der deutschen Sprache. Dieser deutschsprachigen Presse ist ein bedeutender Beitrag zuzurechnen, wenn es um die Beeinflussung der Besetzter im Sinne des nationalsozialis- tischen Systems geht (Jockheck, 2006: 80–81).

Es besteht kein Zweifel daran, dass das nationalsozialistische Regime Druckerzeug- nisse als ein zentrales Mittel zur Ausweitung und Konsolidierung seiner Macht einsetzte.


Diese Beobachtung trifft nicht nur auf die Gebiete des Deutschen Reiches zu. Vielmehr entwickelte sich die Pressepropaganda auch im Generalgouvernement zu einem der zent- ralen Instrumente der deutschen Besatzungspolitik. Die annektierten Teile des polnischen Staates sollten dabei möglichst schnell einer systematischen „Entpolonisierung“ und

„Eindeutschung“ unterzogen werden (Valentin, 1999: 624–625).


„Krakauer Zeitung“

„Krakauer Zeitung“ war ein 1939 von den nationalsozialistischen Besatzern im Gene- ralgouvernement gegründetes Tagesblatt. Bereits wenige Monate nach dem deutschen Überfall auf Polen konkretisierten sich die Pläne zur Etablierung einer deutschsprachigen Pressepublikation für die Bedürfnisse der Besatzungsverwaltung. Die erste Ausgabe er- schien am 12. November 1939, während die letzte Nummer am 17. Januar 1945 veröffentlicht wurde (Jockheck, 2006: 99). Das Blatt wurde im gesamten Distrikt Krakau vertrieben und war – mit Ausnahme gesetzlicher Feiertage – von Dienstag bis Sonntag erhältlich. Der Umfang der Zeitung variierte im Untersuchungszeitraum beträchtlich und lag zwischen vier und zwanzig Seiten (Kołtunowski, 1990: 15). Auch die tägliche Gesamtauflage unter- lag Schwankungen und bewegte sich zwischen 50.000 und 160.000 Exemplaren, was auf ihre Bedeutung als zentrales Propagandainstrument im Generalgouvernement verweist (Jockheck, 2006: 111).

Im Allgemeinen lässt sich feststellen, dass sich die Redaktion der „Krakauer Zeitung“ auf eine begrenzte Anzahl thematischer Schwerpunkte konzentrierte, darunter Kultur, Unterhaltung, Wirtschaft und Sport. Vorrangig jedoch dominierte der Bereich der Politik. Die Zeitung verbreitete kontinuierlich propagandistisch gefärbte aktuelle politische Nach- richten aus dem In- und Ausland. Dieses Vorgehen entsprach den zentralen Zielsetzungen des nationalsozialistischen Regimes, das bestrebt war, die vermeintliche Stärke, Geschlos- senheit und Überlegenheit des Deutschen Reiches zu beweisen und zugleich seine Herrschaft im Generalgouvernement zu legitimieren (Jockheck, 2006: 112).

Die Presse war von Beginn an als eines der zentralen Instrumente der Propaganda im Generalgouvernement. Der propagandistisch kontrollierten Informationsvermittlung wurde systematisch Priorität eingeräumt. Die zentrale Aufgabe der Redakteure bestand darin, die propagandistischen Vorgaben der nationalsozialistischen Besatzungsbehörden in einer für die Leserschaft möglichst akzeptablen Form darzustellen (Jockheck, 2006: 80–81).

Es ist hervorzuheben, dass diese Form der Presse – insbesondere die Tageszeitungen – auf eine vergleichsweise breite Nachfrage stieß (Jockheck, 2006: 134). Zu berücksichtigen ist jedoch dabei, dass das beträchtliche Interesse der Leser weniger auf der inhaltlichen Qualität dieser Publikationen beruhte, sondern primär auf ihrem faktischen Monopol als einzige verfügbare Quelle aktueller Informationen (Głowiński, 2000: 44–45).


Propagandasprache

Dass der strategische Einsatz von Sprache und Propaganda einen wesentlichen Bestandteil der nationalsozialistischen Manipulation des deutschen Volkes bildete, gilt als unbestritten. Nachrichtensendungen und politische Beiträge sind grundsätzlich nicht in der Lage, ge- sellschaftliche Realität vollständig wertneutral abzubilden (Mackensen, 1971: 143). In der Zeit des Nationalsozialismus zählten Druckschriften zu den am weitesten verbreiteten und günstigsten Informationsquellen der Bevölkerung. Die Propagandisten erkannten das enorme Potenzial dieser Medien und setzten sie gezielt ein – ohne moralische Skrupel und oftmals in radikal zugespitzter Form. Durch die konsequente Instrumentalisierung von Sprache und Presse in nahezu allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen ver- folgte das Regime seine ideologischen und repressiven Ziele mit einer Effizienz, die ohne diese Mittel der Massenbeeinflussung kaum zu erreichen gewesen wäre (Kołtunowski, 1995: 179–180).

Die Sprache stellte eines der zentralen Werkzeuge der NS-Propaganda dar und trat in den Massenmedien als Instrument einer strikt erfolgsorientierten Kommunikationsstrategie auf. Die Nazis waren sich der Notwendigkeit bewusst, ein homogenes und bedingungs- los gefügiges „Volkskollektiv“ zu formen, das ihre Ideologie verinnerlichte und deren weltanschauliche Prämissen widerspruchslos übernahm. Propaganda und Gewalt bildeten dabei die wesentlichen Mittel, um das gesamte öffentliche Leben der Kontrolle der Partei zu unterwerfen, oppositionelle Stimmen zu marginalisieren und die Bevölkerung schritt- weise mit der eigenen Ideologie zu durchdringen – oftmals, ohne dass die Betroffenen den manipulativen Charakter dieser Prozesse erkannten (Schmitz-Berning, 1998: 475–476). Die politische Sprache wie auch die propagandistische Ausdrucksweise dienten folglich weniger der neutralen Vermittlung von Informationen als vielmehr der gezielten Einfluss- nahme auf das Bewusstsein der Rezipienten. Ihr primäres Ziel bestand darin, bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen hervorzurufen oder zumindest die Wahrscheinlichkeit

ihres Auftretens bedeutsam zu erhöhen (Wojtasik, 1973: 37).


Polen

Die Presse galt dem Regime als ein bereites Propagandainstrument. Viel Platz wurde in der

„Krakauer Zeitung“ den ehemaligen polnischen Regierungsschichten eingeräumt. Man versprach der Bevölkerung die Befreiung von „entsetzlichen Missständen“ und „Folgen einer unglaublichen Misswirtschaft“ der bisherigen Verwaltung (Vgl. Jeder Pole muss arbeiten, 1939: 3), einer gewissenlosen Clique (Vgl. Schreckensszenen im brennenden Warschau, 1944: 2), die „das Land von Katastrophe zu Katastrophe geführt“ hätte (Vgl. Programmatische Erklärung Dr. Franks, 1939: 1).

Nicht nur die ehemalige Führungsschicht, sondern auch die am 30. September 1939 in Paris gebildete polnische Exilregierung („Politischer Witz“, „Hasardeure und Deserteu- re“, „Emigrantencliquen“, „fiktive polnische Regierung“ (Vgl. Rydz-Śmigły im Gefängnis, 1940: 1), „die so genannte polnische Emigrantenregierung“(Vgl. Ein neues Opfer der


englischen Politik: Emigrantengeneral Sikorski beseitigt, 1943: 1), „Gruppe polnischer Reaktionäre“ (Vgl. Die exzentrischen Polen, 1943: 1–2) in Misskredit zu bringen, war eines der grundsätzlichen Anliegen deutscher Propaganda im Generalgouvernement.

Zahlreiche Berichte in der „Krakauer Zeitung“ warnten auch wiederholt vor dem „ver- brecherischen Verhalten“ (Vgl. Polnisches Flintenweib hetzte zum Mord, 1940: 1), das angeblich nicht nur vom regulären polnischen Militär, das die Deutschen „in viehischer Weise zu Tode gequält hätte“ (Vgl. Sondergericht Lodz gegen zwei Deutschenmörder, 1940: 1), sondern auch von verschiedensten politisch motivierten bewaffneten Banden (Vgl. Flüchtlinge, Banden, Juden – so fing es an, 1940: 1) ausging. Das Land litt unter den Verbrechern (Vgl. Banden überfallen Bauernkaten, 1939: 5), Banditen (Vgl. Ban- ditennester ausgehoben – bei 30 Grad unter Null, 1942: 5–6), Untermenschen (Vgl. Weit über 1 Million Ukrainer Opfer des polnischen Terrors, 1940: 1–2), dem polnischen Fremdvolk (Vgl. Deutsches Beamtentum im Osten, 1940: 1–2), untergeordneten und fremden Volkstum (Vgl. Die Partei – Mahner und Führungsfaktor, 1940: 7–8; Der Blick aufs Ganze, 1941: 1–2), dem hasserfüllten polnischen Staat (Vgl. Die deutsche Mission im Weichselraum, 1940: 6), dessen bestialische Grausamkeiten (Vgl. Die Reklameleiche, 1940: 1–2) den Deutschen im besetzten Polen zu einer starken seelischen Belastung wurde (Vgl. Arbeiter und Künstler im grünen Rock, 1940: 6). Man beschuldigte die mordgierige Menge (Vgl. Sühne für abscheuliche Misshandlung abgestürzter Flieger, 1940: 1–2) zahlreicher Gewalttätigkeiten (Vgl. Von der Kirche zum Deutschenmord, 1940: 1), sadis- tischer Grausamkeit, blindwütenden Hasses (Vgl. Sühne für abscheuliche Misshandlung abgestürzter Flieger, 1940: 1), blutigen Ausschreitungen (Vgl. Die „Jüdische Weltpest“ in Tschenstochau, 1944: 8), satanischer Taten“ (Vgl. Von der Kirche zum Deutschenmord, 1940: 1), unmenschlichsten Grausamkeiten und Bestialitäten (Vgl. Die Ankläger, 1943: 1–2). Auch solche Begriffe wie Polengräuel, Gräueltaten (Vgl. Jetzt über 58 000 Morde an Deutschen festgestellt, 1940: 1), Mörder (Galizien vor einem Jahr und heute gesehen. Erfolge deutscher Führung auch in diesem Raum, 1942: 3), Peiniger (Vgl. Sühne für abscheuliche Misshandlung abgestürzter Flieger, 1940:1–2), Barbaren (Vgl. Weit über 1 Million Ukrainer Opfer des polnischen Terrors, 1940: 1–2), Ungeziefer (Vgl. Die Ju- dengesetze in Frankreich, 1942: 2) usw. waren in den Artikeln der „Krakauer Zeitung“ an der Tagesordnung.


Juden

Die Juden, also der Hauptfeind NS-Deutschlands, waren stets in negativem Sinn als ein durchaus fremdes Volk bezeichnet (Vgl. Aus fremden Redaktionen, 1944: 2). Der Na- tionalsozialismus, dessen letztes Ziel die Entfernung der Juden überhaupt war, plädierte dafür, den germanischen Stamm so sehr als möglich von „fremdartigen Bestandteilen“ (Vgl. Politische Soldaten, 1939: 1–2) rein zu erhalten.

Die permanente Hetze gegen die Juden, die stereotype Darstellung der Nation in ne- gativen Kontexten, verächtliche Bezeichnungen für die als rassisch und moralisch min- derwertig deklarierten Juden waren charakteristisch auch für die „Krakauer Zeitung“.


Schon beim Angriff auf Polen stellten die deutschen Propagandisten die Entfernung des Judenvolkes aus dem europäischen Bereich als entscheidenden Beitrag zur Lösung der Judenfrage in Aussicht. Das Ungeziefer (Vgl. Die „Jüdische Weltpest“ in Tschens- tochau, 1944: 8) soll aus ganz Europa verschwinden. Man suggerierte ein baldiges Ende des großen Unglücks (Vgl. Polen verprügeln jüdische Wucherer, 1940: 3) und dieser jahrhundertelangen Plage (Vgl. Die „Lehranstalt der Weisen Lublins“, 1942: 5). Das blutsaugende Parasitenleben (Vgl. Deutsche Handwerker in jüdischer Hand, 1943: 1) durfte also nicht mehr existieren.

Man warnte auch oft vor dem wahren Gesicht des Weltjudentums (Vgl. Die Aus- erwählten, 1943: 1) und Vergiftung der Volksmassen (Vgl. Klassische Judenherrschaft, 1942: 1). Die jüdische Weltpest wurde auch der größten Grausamkeiten beschuldigt. Die jüdischen Mörder (Vgl. Das Herz Polens ein Judennetz, 1940: 1) hätten beispielsweise für den Blutbad von Katyn (Vgl. Die Henkersknechte waren Juden, 1943: 1), d. h. die Massaker der polnischen Offiziere Verantwortung tragen sollen.

Der einzige Ausweg könnte also die Unschädlichmachung der Parasiten sein (Vgl. Die Auserwählten, 1943: 1), denn Vernichtung der jüdischen Seuche (Vgl. Judenprob- lem in Ungarn, 1944: 1) sei eine moralische Verpflichtung gewesen, deren Erfüllung der ganzen Menschheit zum Heil gereichen müsste (Vgl. Bewährung im Sinn europäischer Mitarbeit, 1944: 5–6). Neben der Seuche bediente sich die nationalsozialistische Propa- ganda in der „Krakauer Zeitung“ auch anderer Begriffe, die an die Juden gerichtet waren: Schädlinge, die jedem einzelnen Schaden zufügen (Vgl. Politische Soldaten, 1939: 1–2), Mischlinge (Vgl. Die „Jüdische Weltpest“ in Tschenstochau, 1944: 8), Eiterbeule (Vgl. Die ungarische Judenfrage. Erklärungen eines Pfarrers, 1944: 2), Spaltfilz (Vgl. Europas Sozialismus gegen jüdischen Bolschewismus, 1943: 1), Piraten (Vgl. Jüdische Schiebungen in Anatolien, 1940: 1), Blutsauger (Vgl. Das Gebot der Stunde: Höchster Kräfteeinsatz, 1944: 1), Verbrecher (Vgl. Wie war es doch damals?, 1944: 1–2), Krebsgeschwür, das sich weltweit ausbreitet (Vgl. Politische Soldaten, 1939: 1–2) und das man aus dem Leibe des Staates herausschneiden muss (Vgl. Ein Schutzwall für das Nebenland, 1944: 5) uvm. Die obigen Beispiele für die Sprachmanipulation stellen lediglich eine exemplarische Auswahl dessen zu dar, was vom nationalsozialistischen Regime im Dritten Reich her- vorgebracht wurde. Die Verdrängung oder gar Vernichtung der polnischen und jüdischen Bevölkerung wurde zu einer vermeintlich existenziellen nationalen Aufgabe erklärt. Durch radikal antipolnische und antijüdische Rhetorik versuchte das Regime, politische Konkurrenten zu überbieten, diese als angebliche Bedrohung für die europäische Ord- nung zu präsentieren und zugleich nationalistisch orientierte Kreise zu mobilisieren und

ideologisch zu integrieren.


Schlussbetrachtung

Wörter besitzen das Potenzial, Bewusstsein zu formen und soziale Wirklichkeit sprach- lich zu gestalten. In totalitären und autoritären Systemen kommt der Sprache daher eine besonders zentrale Funktion zu. Die Nationalsozialisten beriefen sich – stärker als nahezu


jede andere politische Bewegung des 20. Jahrhunderts – auf die Kraft der Sprache, der sie einen herausragenden Stellenwert im Rahmen ihrer Ideologie und Herrschaftspraxis zuschrieben. Sie erkannten klar die politische Relevanz von Sprache und instrumenta- lisierten diese systematisch unter dem Aspekt der massenorientierten Einflussnahme (Grieswelle, 1984: 18–19).

Politik und Sprache stehen in einem untrennbaren Zusammenhang, da politische Handlungsfähigkeit und die Etablierung gesellschaftlicher Ordnungsstrukturen nur dann möglich sind, wenn politische Ziele klar formuliert, gebündelt und wirksam kommuni- ziert werden. Aus diesem Grund ist Sprache für politische Akteure ein unverzichtbares Instrument: Sie dient dazu, politische Absichten darzulegen, Programme durchzusetzen, angestrebte Ziele zu legitimieren und Zustimmung in der Bevölkerung zu erzeugen (Bergsdorf, 1991: 19). Sprache tritt dabei als zentrales Medium der Meinungsbildung,

-verbreitung und -änderung auf. Darüber hinaus ermöglicht sie den Austausch von Posi- tionen, unterstützt Entscheidungsprozesse und dient deren Verteidigung im öffentlichen Diskurs (Bachem, 1979: 11).

Sprache stellt somit einen festen Bestandteil politischen Handelns dar. Man kann sie sogar als eine der grundlegenden Voraussetzungen politischer Praxis bezeichnen. Ihre Wirkmacht gründet insbesondere in ihrem handlungsbezogenen Charakter. Wörter treten nicht lediglich als neutrale Bedeutungsträger auf, sondern besitzen das Potenzial, Hand- lungen auszulösen – mit ihnen lässt sich lügen, beleidigen, verleumden, denunzieren, aufdecken, und im Extremfall sogar töten oder Kriege legitimieren und gewinnen. Sprache kann, bildlich gesprochen, wie eine Waffe Verwundungen und Verletzungen hervorrufen und erweist sich damit als ein zentrales Machtinstrument im politischen Raum (Schiewe, 1998: 194).

Ohne Zweifel üben linguistische Faktoren einen erheblichen Einfluss auf menschliches Denken und Handeln aus – ein Umstand, dessen sich politische Machthaber in besonderem Maße bewusst sind und den sie gezielt zu nutzen wissen. Sprache nimmt in der Politik eine zentrale Stellung ein, sie gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen jeglicher politischer Praxis. Es ist daher keineswegs übertrieben festzustellen, dass Politik in hohem Maße auf Sprache angewiesen ist (Klaus, 1969: 44).

Zwischen einem politischen System und der darin verwendeten politischen Sprache besteht ein reziprokes Verhältnis: politische Strukturen prägen die sprachlichen Aus- drucksformen, während die Sprache zugleich die politische Wirklichkeit konstruiert und stabilisiert. Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich politische Realität und Sprache gegenseitig bedingen und andauernd beeinflussen (Lis, 2008: 14).

Das nationalsozialistische Regime erhob Sprache und Medien zu zentralen Instrumenten der Kriegsführung. In der „Krakauer Zeitung“ dienten sie der systematischen Verbreitung von Desinformation, der gezielten Beruhigung breiter Bevölkerungsschichten oder – im Gegenteil – der bewussten Erzeugung von Unruhe in ausgewählten Kreisen. Über sprachlich-mediale Strategien konnten politische und militärische Absichten entweder verschleiert oder vorgetäuscht werden. Durch propagandistische Aussagen, die in der

„Krakauer Zeitung“ stets verbreitet wurden, steuerten die Nationalsozialisten maßgeb- lich die öffentliche Wahrnehmung und instrumentalisierten diese für ihre strategischen


Planungen. Ihnen gelang es, Erwartungen zu formen, Täuschungen zu verbreiten und Informationsprozesse aktiv zu kontrollieren. Auf diese Art und Weise machten sie Infor- mation und Desinformation zu einem eigenständigen Instrument der Gewalt und etablierten damit gewissermaßen eine neue Form der Kriegsführung: den Informationskrieg.

Die „Krakauer Zeitung“ stellt ein vortreffliches Beispiel für die von den Nationalsozia- listen systematisch betriebene sprachliche Manipulation dar. Die Analyse ausgewählter Artikel des Blattes verdeutlicht, in welchem Maße durch den gezielten Einsatz spezifi- scher Sprachmittel die Meinungsbildung der unter der Besatzung lebenden Bevölkerung beeinflusst werden sollte und auf welche Weise ein ideologisch strukturiertes Bild der politischen Ereignisse sprachlich konstruiert und vermittelt werden konnte.


Primärliteratur

Arbeiter und Künstler im grünen Rock (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 45, S. 6.

Aus fremden Redaktionen (1944), „Krakauer Zeitung“, Vol. 124, S. 2.

Banden überfallen Bauernkaten (1939), „Krakauer Zeitung“, Vol. 10, S. 5.

Banditennester ausgehoben – bei 30 Grad unter Null (1942), „Krakauer Zeitung“, Vol. 33,

S. 5–6.

Bewährung im Sinn europäischer Mitarbeit (1944), „Krakauer Zeitung“, Vol. 274, S. 5–6. Das Gebot der Stunde: Höchster Kräfteeinsatz (1944), „Krakauer Zeitung“, Vol. 217, S. 1. Das Herz Polens ein Judennetz (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 259, S. 1.

Der Blick aufs Ganze (1941), „Krakauer Zeitung“, Vol. 17, S. 1–2.

Deutsche Handwerker in jüdischer Hand (1943), „Krakauer Zeitung“, Vol. 222, S. 1.

Deutsches Beamtentum im Osten (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 254, S. 1–2.

Die „Jüdische Weltpest“ in Tschenstochau (1944), „Krakauer Zeitung“, Vol. 124, S. 8.

Die „Lehranstalt der Weisen Lublins“ (1942), „Krakauer Zeitung“, Vol. 127, S. 5.

Die Ankläger (1943), „Krakauer Zeitung“, Vol. 93, S. 1–2.

Die Auserwählten (1943), „Krakauer Zeitung“, Vol. 246, S. 1.

Die deutsche Mission im Weichselraum (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 123, S. 6.

Die exzentrischen Polen (1943), „Krakauer Zeitung“, Vol. 255, S. 1–2.

Die Henkersknechte waren Juden (1943), „Krakauer Zeitung“, Vol. 92, S. 1.

Die Judengesetze in Frankreich (1942), „Krakauer Zeitung“, Vol. 185, S. 2.

Die Partei – Mahner und Führungsfaktor (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 254, S. 7–8.

Die Reklameleiche (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 20, S. 1–2.

Die ungarische Judenfrage. Erklärungen eines Pfarrers (1944), „Krakauer Zeitung“, Vol. 124,

S. 2.


Ein neues Opfer der englischen Politik: Emigrantengeneral Sikorski beseitigt (1943), „Kra- kauer Zeitung“, Vol. 159, S. 1.

Ein Schutzwall für das Nebenland (1944), „Krakauer Zeitung“, Vol. 217, S. 5.

Europas Sozialismus gegen jüdischen Bolschewismus (1943), „Krakauer Zeitung“, Vol. 111, S. 1.

Flüchtlinge, Banden, Juden – so fing es an (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 254, S. 1.

Galizien vor einem Jahr und heute gesehen. Erfolge deutscher Führung auch in diesem Raum

(1942). „Krakauer Zeitung“, Vol. 187, S. 3.

Jeder Pole muss arbeiten (1939), „Krakauer Zeitung“, Vol. 2, S. 3.

Jetzt über 58 000 Morde an Deutschen festgestellt (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 35, S. 1.

Judenproblem in Ungarn (1944), „Krakauer Zeitung“, Vol. 86, S. 1.

Jüdische Schiebungen in Anatolien (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 108, S. 1.

Klassische Judenherrschaft (1942), „Krakauer Zeitung“, Vol. 142, S. 1.

Polen verprügeln jüdische Wucherer (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 77, S. 3.

Politische Soldaten (1939), „Krakauer Zeitung“, Vol. 18, S. 1–2.

Polnisches Flintenweib hetzte zum Mord (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 4, S. 1 Programmatische Erklärung Dr. Franks (1939), „Krakauer Zeitung“, Vol. 1, S. 1. Rydz-Śmigły im Gefängnis (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 254, S. 1.

Schreckensszenen im brennenden Warschau (1944), „Krakauer Zeitung“, Vol. 218, S. 2.

Sondergericht Lodz gegen zwei Deutschenmörder (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 13, S. 1.

Sühne für abscheuliche Misshandlung abgestürzter Flieger (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 16, S. 1–2.

Von der Kirche zum Deutschenmord (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 39, S. 1.

Weit über 1 Million Ukrainer Opfer des polnischen Terrors (1940), „Krakauer Zeitung“, Vol. 56, S. 1–2.

Wie war es doch damals? (1944), „Krakauer Zeitung“, Vol. 19, S. 1–2.


Literaturverzeichnis

Bachem R. (1979), Einführung in die Analyse politischer Texte, München: Oldenbourg Verlag.

Bergsdorf W. (1991), Zur Entwicklung der Sprache der amtlichen Politik in der Bundesrepublik Deutschland, [In:] F. Liedtke, M. Wengeler, K. Böke (Hrsg.), Begriffe besetzen. Strategien des Sprachgebrauchs in der Politik, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 19–33.

Głowiński T. (2000), O nowy porządek europejski. Ewolucja hitlerowskiej propagandy poli- tycznej wobec Polaków w Generalnym Gubernatorstwie 1939–1945, Wrocław: Wydawnictwo Uniwersytetu Wrocławskiego.


Grieswelle D. (1984), Rhetorik und Politik. Kulturwissenschaftliche Studien, Stuttgart: Metzlersche J.B. Verlagsbuchhandlung.

Jockheck L. (2006), Propaganda im Generalgouvernement. Die NS-Besatzungspresse für Deutsche und Polen 1939–1945, Osnabrück: Fibre Verlag.

Klaus G. (1972), Sprache der Politik, Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften.

Kołtunowski P. (1990), Strategia propagandy hitlerowskiej w Generalnym Gubernatorstwie na podstawie „Krakauer Zeitung” (1939–1945). Studium historyczno-filologiczne, Lublin: Wydawnictwo Uniwersytetu Marii Curie-Skłodowskiej.

Kołtunowski P. (1995), Metody kształtowania morale wojennego na podstawie tekstów prze- mówień ministra propagandy III Rzeszy Josepha Goebbelsa z okresu drugiej wojny światowej (1939–1945). Aspekt argumentacyjno-psychologiczny, Lublin: Wydawnictwo Uniwersytetu Marii Curie-Skłodowskiej.

Liedtke F., Wengeler M., Böke K. (Hrsg.) (1991), Begriffe besetzen. Strategien des Sprach- gebrauchs in der Politik, Opladen: Westdeutscher Verlag.

Lis R. (2008), Propagandasprache im Dritten Reich anhand der NS-Besatzungspresse im Generalgouvernement, München: Grin Verlag.

Mackensen L. (1971), Die deutsche Sprache in unserer Zeit. Zur Sprachgeschichte des

20. Jahrhunderts, Heidelberg: Quelle & Meyer.

Schiewe J. (1998), Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart, München: Verlag C.H. Beck.

Schmitz-Berning C. (1998), Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin: Verlag Walter de Gruyter.

Sobczak J. (1988), Polska w propagandzie i polityce III Rzeszy w latach 1939–1945, Poznań: Instytut Zachodni.

Valentin V. (1999), Geschichte der Deutschen, Köln: Kiepenheuer & Witsch Verlag.

Wojtasik L. (1973), Zarys psychologii propagandy, Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe.